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Wirtschaft |
Der Hausiererhandel 100 Jahre GLM. in Wien Festschrift 1991 |
Landwirtschaft |
Er trug seine unmittelbar für den Verkauf bestimmte Ware in einem nach vorn umgehängten Korb bei sich (für Orangen allein genügte ein Netz). Wie in einer Auslage boten sich hier Datteln, appetitlich gelegt in Schachteln, Feigenkränze, kleine und größere Schachteln aus Holzspan, mit Zuckerwerk aller Art gefüllt, Orangen, gezuckerte Früchte und noch viel andere Näschereien dar. Immer wieder, untertags an belebten Plätzen oder Belustigungsstätten wie dem Prater, abends in Gaststätten und vor allem beim Heurigen, hob der Gottschewer/Kraner den Leuten seinen Korb entgegen. Dabei blieb er stumm und ließ vorerst einmal die Dinge im Korb für sich selbst sprechen. Erst nach einer Weile, nachdem die Gäste am Tisch auch wirklich alles genau betrachtet hatten, nimmt er ein Säckchen aus seiner Tasche, das bezifferte Spielmarken enthält, und ladet zum Spiel ein. Denn alle diese begehrenswerten Dinge aus dem großen Korb konnte man, so man auch genügend Glück im Spiel hat, weitaus billiger oder vielleicht gar umsonst haben. Mit billigem Einsatz spielte man entweder Grad oder ungrad (aus dem der Wiener Schmäh „Kraut oder Unkraut" machte), Hoch oder nieder oder Drei unter hundert. Der Gewinn sah dann absichtlich nach mehr aus, als der Einsatz betragen hatte (wie auch heute noch im Prater oder auf Jahrmärkten und Kirtagen). Er bestand beim Gottschewer zumeist aus einer Ware des Korbes (besonders gern aus einer Schachtel mit Süßigkeiten oder einem Kranz Feigen), manchmal jedoch wurde auch eine ganze Partie Waren und sogar der ganze Korbinhalt ausgespielt.
Die Gottschewer verbanden geschickt Handel und Glücksspiel. Der Vorgang des „Ausspielens" war der einer Tombola. Unter den teilweise ortsansässigen Ausspielern finden wir auch Frauen, nicht allerdings unter den Gottschewern. Bei diesen sind hingegen Knaben nicht selten, und sie waren sogar besonders beliebt: Man rechnete sich größere Gewinnchancen aus.
Neben dem Gottschewer, der als „Einzelunternehmer" von zu Hause mit seinem Warensortiment (in Sack oder Binkel) ausgezogen und monatelang unterwegs war, gab es auch solche, die ‑ zumeist zu mehreren ‑ im Dienst eines einzelnen Unternehmers standen, der sie mit allem Notwendigen ‑ von der Ware über Kost und Quartier bis zur Kleidung ‑ versorgte, ein System, das auch bei anderen Wanderhändlem (wie z. B. den Rastelbindern und Dalmatinern) üblich war.
Ebenfalls eine allgemeine Erscheinung war es, daß sich auch andere („unechte") Hausierer das Image eines bestimmten Typus zunutze machten, also „unter falscher Flagge segelten". So stammte auch der eine oder andere Gottschewer nicht aus der Gottschee in Krain, sondern aus dem Ungarischen oder Italienischen. Und die Reifnitzer sind mit ihren Sieben, Körben usw. immer unter Gottscheer Flagge unterwegs gewesen. So ist wahrscheinlich der doch einigermaßen auffallende „Gottscheberer" zu verstehen; der deutschsprachige Gottscheer würde sich nie so bezeichnet haben!
Richard Ruppe jüngster Sohn eines Gastwirtes und Kaufmannes hat er in Winkel in der Gotttschee am 15.01.1907 das Licht der Welt erblickt. Doch der Lebensraum wurde der kinderreichen Familie zu eng und so wanderte er 1928 aus. Er wanderte von Gmunden, Linz, über Braunau nach Deutschland und Holland, und danach nach Bad Aussee. Er ist dann dem Beruf mit viel kaufmännischer Gewandtheit nachgegangen, Kaiser Friedrich IV. verlieh den Gottscheern für die deutschen Reichslande im Jahre 1492 ausdrücklich das Privileg des Hausierhandels, das durch spätere Kaiser erneuert und erweitert wurde
So schnallte er sich täglich über seine fesche Gottscheer Tracht den „Bauchladen“ um und verkaufte vorwiegend Süßigkeiten und animierte zu einem „Glücksspiel“, wenn er durch die Gaststätten von Tisch zu Tisch wanderte. Der Käufer durfte „grad oder ungrad“ sagen und dann tief in sein dargebotenes Sackerl mit Losen greifen, und hatte er gewonnen, so durfte er sich etwas Süßes aus den vielen Fächern des Bauladens aussuchen. Höhere Gewinne gab es zu erzielen, wenn man nur mit Ziffern gewettet hatte usw. Bei dieser Wanderschaft hat R. Ruppe wohl seine große Menschenkenntnis erworben, die ihm später als Hotelier im Hotel Sonne Bad Aussee sehr nützlich war.